Von: Dirk Kunde, Donnerstag, 9. Juni 2011 13:57 Uhr
Tim Sacher-Gold, Autor des erotischen Romans Evas Schlaf, schrieb mir, er habe den Text für das gesamte Buch auf dem iPhone getippt. Das konnte ich nicht glauben, denn ich kriege bereits ab vier vollständigen Sätzen die Krise beim Tippen. Da musste ich beim Autor per Mail nachfragen, denn in der gedruckten Version sind es immerhin 180 Buchseiten. Seine Antworten hat TSG natürlich auch auf dem iPhone geschrieben.
Wie kann man nur ein komplettes Buch auf dem iPhone tippen? Welche Hilfsmittel setzen Sie ein?
TSG: Ich schreibe meine Texte mit dem SmartWriter auf meinem iPhone einfach auf der virtuellen Tastatur. Meine erste kleine Geschichte hatte ich ins Programm Notizen getippt, aber schnell erkannt, dass das dann doch nicht so toll ist. Inzwischen habe ich meinen dritten Roman fertiggestellt, den ich jeweils Stück für Stück noch an dem Tag, an dem ich es geschrieben hatte, bei Facebook unter Palais Rochefort gepostet habe.
Ich tippe nach bald tausend Seiten Text auf dem iPhone genau so schnell, wie mir der Text, die Formulierung einfällt und somit ist es überhaupt kein Problem, dass die virtuelle Tastatur natürlich sehr klein ist im Display. Sehr hilfreich ist die Funktion im SmartWriter, die die Worte erkennt, vervollständigt und notfalls auch einfach heimlich korrigiert. So kommt auch beim schnellen Tippen, bei dem ich mich natürlich in fast jedem Wort verschreibe, ein nahezu fehlerfreier Text heraus (und ich muss nur aufpassen, dass der SmartWriter die Worte auch auf das inhaltlich richtige Wort korrigiert).
Zugute kommt mir sicher, dass ich schon immer ein sehr individuelles zwei, drei Fingersystem beim Schreiben auf der Tastatur hatte, mit dem ich durchaus schnell voran komme. So gab es für mich eigentlich keine Umstellung von der Tastatur, auf die ich eben schon immer recht eigenwillig eingehackt habe, zu dieser Tipperei auf dem iPhone.
Und um zuletzt die Frage zu beantworten, wie man einen so langen Text, wie einen Roman auf so einem kleinen Ding wie dem iPhone tippen kann? Man braucht Fleiß und Geduld und ein paar gute Ideen, egal, wie groß die Tastatur ist. Der Rest ist dann Übung!
Wie hoch ist der Anteil am Buch, der auf dem iPhone entstand?
TSG: Evas Schlaf ist mehr oder weniger komplett auf dem iPhone geschrieben. Die erste Fassung, d.h. die eigentlich kreative Arbeit findet auf dem iPhone statt. Die Korrekturen, die Überarbeitungen des Textes bis zur druckreifen Fassung sind dann allerdings auf dem PC gemacht worden. Da hilft dann ja eine ordentliche Textverarbeitung doch sehr viel weiter.
Wie unterscheidet sich das Arbeiten mit dem iPhone zum klassischen Tippen am Computer?
TSG: Für mich verändert das Schreiben auf dem iPhone den kreativen Prozess insofern das Schreiben selbst mobil wird, weil ich einfach unterwegs schreiben kann. Gottfried Benn (mit dem ich mich überhaupt nicht vergleichen will) hat z.B. seine Gedichte, die ja Weltliteratur sind, durchaus nicht in der Schreibstube ganz oben im Elfenbeinturm geschrieben, sondern in der Eckkneipe, die nahe seiner Arztpraxis lag, in seiner Mittagspause.
Wenn ich zuhause vor dem Mac sitze, erschlägt mich mein literarischer Anspruch eher, verschüchtert mich das leere, weiße Blatt im Monitor vor mir, das gefüllt sein will. Mit dem iPhone in der Hand, Kopfhörern mit guter Musik in den Ohren und vielleicht einer schönen Frau mir gegenüber in der U-Bahn, fällt mir das Schreiben einfach sehr leicht …
Wie nutzen Sie das iPhone zur Ideensammlung?
TSG: Die Ideen zu den Geschichten oder Büchern fallen mir eher einfach in anderen Kontexten zu. Es gibt jeweils eine Grundidee für eine Story und dann schreibe ich einfach drauflos. Extrem hilfreich ist natürlich, dass ich auch in der U-Bahn, wenn ich eine Information brauche, via Google oder über die App Articles auf z.B. Wikipedia Zugriff habe und bestimmte Fakten nachprüfen kann.
Lesen Sie selber eBooks auf dem iPhone / iPad? Wie ist die Umstellung?
TSG: So verliebt ich auch in mein iPhone bin, so mag ich doch eines noch wesentlich lieber: Dicke, schwere, gebundene Bücher. Ich lese inzwischen fast keine Zeitung mehr auf Papier, aber Bücher ganz oldschool nur in gedruckter Form.
Wie kamen Sie auf das Genre Erotikroman?
TSG: Für mich ist der Erotikroman, ähnlich wie Fantasie oder SciFi ein Genre, in dem auf die je genrespezifische Art noch die ganz großen Themen des Menschen verarbeitet werden können. Liebe, Lust, die Sehnsucht in einer Gemeinschaft aufzugehen, der Exzess, der ja z.B. gesellschaftlich immer mehr verschwindet, da Drogen und nach dem Ende des Rauchens auch das Ende des Saufens bevorsteht. So ist der Erotikroman eine Form, Sehnsüchte zu formulieren, Defizite zu benennen, falls da nicht nur mehr oder weniger mechanische Vorgänge in stereotypen Bilden abgehandelt werden.
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