Von: Diddo Ramm, Dienstag, 24. März 2009 15:49 Uhr
Für viele fast unbemerkt hat letzte Woche ein Paradigmenwechsel bei Apple stattgefunden. Wovon ist die Rede? Von der Einführung des iPhone Betriebsystem 3.0. Denn letzte Woche wurde, ohne mit der Wimper zu zucken, mit einem Tabu gebrochen. Es war vorauszusehen, und viele von uns Nutzern können nicht anders als zugeben: Wir waren dabei und haben es gewusst.
Drehen wir einmal die Zeit zurück. 10. Januar 2007, Macworld in San Francisco. Steve Jobs stellt ein „widescreen ipod mit touchcontrolls”, ein „internet communicator” und ein „revolutionary mobile phone” vor – das iPhone. Neben der Hardware gab es aber auch weitere Revolutionen, eine Computer-Systemsoftware, nämlich OS X auf einem Handy, und damit „desktop class” Applikationen. So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen.
Geben wir es zu, wir waren froh, Jünger von Apple zu sein, ganz vorne an der Front der technologischen Innovationen. Und dann sprach Steve Jobs, unser Messias, noch von der neuen Qualität der Software. Und genau das tat er auch Monate später, im März 2008, bei der Einführung der ersten iPhone SDK: „Begrenzungen? Ja – kein Porno, keine illegalen, bösen Applikationen.” (O-Ton: „Limitations? Yes. No porn, illegal, malicious apps.”)
Nun „böse” kann man verschiedenartig interpretieren, die USA ist sogar schon in einen Krieg gegen „das Böse” gezogen. „Kein Porno” hinterlässt dagegen keine Zweifel, dass Applikationen mit diesem Inhaltsspektrum ihren Weg NICHT auf das iPhone finden würden. Doch missverstehen Sie mich bitte nicht, ich selbst besitze zwei iPhones, ich liebe das iPhone. Mein 14-jähriger Sohn auch.
Ich war also wie geplättet, als bei der Vorstellung der Systemsoftware Version 3.0, nicht nur kreative Momente wie die Ocarina-Spieler Eingang in die Welt von Apple fanden, nicht nur kleine putzige Hundewelpen-Spiele, sondern ein oder besser der erste Egoshooter, die „Königsdisziplin aller Spielehersteller”, für das iPhone vorgestellt wurde: das Spiel „Live Fire“.
Zugegeben, Amerikaner sind, was Gewalt betrifft, nicht so zimperlich wie wir Deutschen. Aber auch ein sich nach Kalifornien verirrter, gut gelaunter Engländer als Chef von ngmoco:) (mit nettem Smiley im Firmennamen und viel Geld aus dem Risikokapitaltopf iFund von KPCB), konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier gerade eine große Idee zugunsten des blanken Kommerz zu Grabe getragen wurde.
Natürlich weiß jeder, dass mit Spielen endlos viel Geld verdient werden kann, und keiner will jemandem die Freiheit nehmen, sich mit diesem oder jenem zu unterhalten. Aber ehrlich, braucht das iPhone, das offensichtlich zur neuen Nintendo DS und Sony PSP ausgebaut wird, wirklich Killerspiele?
Und war die „Killerapp Number One” nicht einmal das Telefonieren? Wie wäre es mit Flash für das iPhone? Verstehe, Flash würde sämtliche beweglichen Inhalte und gerade diejenigen über den Browser aufs iPhone holen, und dazu gehört eben auch Pornografie. Das kann vielleicht der Grund sein, warum es Flash bisher nicht auf dem iPhone gibt. Aber vielleicht bin ich ja auch zu naiv. Flash würde Inhalte aufs iPhone bringen, an denen Apple NICHT mitverdienen könnte. Also will Apple wohl lieber an dem endlos großen Spielekuchen mitverdienen, egal wie!
Nun wurde die Vorstellung der iPhone Systemsoftware 3.0 von langer Hand geplant und Cupertino und Winnenden sind weit voneinander entfernt. Doch was am 11. März mit zu einem Amoklauf eines pubertierenden Jungen beigetragen hatte – das geistig unkontrollierte Spielen von Egoshootern wie FarCry2 und Counterstrike – war wohl am 17. März im ach so weit entfernten Cupertino niemandem recht bekannt. Pietätlos würde man sagen, aber dann, das amerikanische Weltbild unterscheidet sich eben doch recht stark von unserem europäischen, wenn wir denn überhaupt als Welt da drüben bekannt sind. Und Live Fire, it’s just hell lot of fun.
Es geht hier schlechtweg nicht darum, eine nachweisbare Verbindung von Egoshootern zu Amokläufern zu konstruieren, aber warum wird hier nun einfach mit dem Tabu der Gewaltverherrlichung gebrochen? Hat man Existenzielles verpasst, wenn man nie einen Egoshooter gespielt hat?
Soll nun überall, in U- und S-Bahn, in Bussen, in der Schulpause, im Unterricht mit Peer-to-Peer (danke, iPhone 3.0) auf dem iPhone die Grundlage weiteren Verwirrtseins oder soll ich besser sagen weiterer Abhängigkeit fortgeführt werden? Live Fire zwischen erster und zweiter Stunde zum Beispiel? Denn eins ist klar, es ist inzwischen bewiesen, dass diese Spiele abhängig machen. Da sollte sich bei Apple niemand etwas vormachen, dieser Schritt führt zwangsläufig zu iPhone-Verboten an Schulen und Universitäten und damit bei einem Großteil der Zielgruppe, von dem Verlust an positiven Markenwerten ganz zu schweigen.
Denn seien wir ehrlich. iPhones sind cool, gerade für die jungen Menschen, die gerne verbal oder per SMS kommunizieren, die nicht in der Lage sind, mehr als drei grammatikalisch korrekte Sätze per Brief, geschweige denn per E-Mail zu verfassen, die gerne zum Teil wirklich hirnentleerte Youtube-Videos angucken und eben auch gerne mobil das eine oder andere Videospiel konsumieren wollen, ohne immer ihren alten PC mit an jeden Ort der Welt schleppen zu müssen.
Das iPhone ist spitze und die Abhängigkeit auch. Geben wir es doch zu, wer einmal ein iPhone besessen hat, ist „hooked”. Wer Kindern zuguckt, wie sie „ihre” Spiele nutzen, sieht: Sie sind ebenfalls „hooked”. Da kommen zwei zusammen. Gut, abhängig von Hundewelpen zu sein, scheint nicht eine Gefahr für die Welt an sich darzustellen, wenn dann aber Spiele ganz offensichtlich labilen Gestalten ein neues Weltbild ermöglichen, an dessen Ende der Tod von unzähligen Menschen steht, ist das doch sehr bedenklich. Und ehrlich, man sollte solchen Umständen keinen Vorschub leisten.
Warum also Spiele einfach überall, in egal welcher Qualität auch immer, jederzeit zur Verfügung stellen? Was ist das neue Apple-Konzept des App-Stores? Und komm jetzt bitte keiner mit den Eltern-Sperren, die sind für Kinder leichter zu knacken, als Spam-Mail den Weg in unsere Mailer findet.
Also Steve Jobs, ich kann gut ohne Egoshooter auf meinem iPhone, will mein iPhone nicht vor meinen Kindern verstecken, würde ihnen gerne so was Tolles schenken, aber war da nicht einmal was mit „no malicious apps”? Quo vadis Apple?
Was denken Sie? Diskutieren Sie mit!
Über den Autor:
Diddo Ramm, 44, Vater zweier Söhne und Unternehmer, bezeichnet sich als Early-Adapter und gleichzeitig als „Digital-Abhängiger”. Ramm betreut und trainiert in seiner Freizeit eine Fußballjugendmannschaft in Hamburg-Altona.