Tim Cook ist gescheitert. Zumindest was seine Versprechen angeht. Noch 2012 antwortete er auf die Frage nach der Geheimniskrämerei bei Produktentwicklungen auf der Konferenz D10:I will double down on secrecy on products„. Erstaunlich. Wie konnten dann die Apple-Blogger zu 110 Prozent vorhersagen, was bei der Präsentation am 9. September 2015 in San Francisco kommen würde? Was Tim Cook und Kollegen da präsentiert haben, ist schon tolle Technik. Aber es enttäuscht schon, wenn es so gar keinen Überraschungsmoment gibt. Dafür war Apple mal berühmt. Die haben Fans und Fachwelt staunen lassen. Mac, iPod, iTunes, iPhone, iPad – das waren echte Innovationen. Und jetzt?

Das Beitragsbild ist gar kein iPad Pro. Na, reingefallen? Das ist ein Surface 3 von Microsoft. Könnte man glatt verwechseln. Es ist mit 12,9 Zoll (32,8 cm) etwas größer als das Surface, kann aber auch mit einem Stylus bedient werden. Über den hat sich Steve Jobs bei der Einführung des iPhones noch lustig gemacht. Vielleicht nennt Apple ihn deswegen lieber Pencil. Den gibt es aber nicht einfach dazu, der kostet 99 Dollar, die Hüllen-Tastatur-Halter-Kombi gibt es für 169 Dollar. Um die Jungs von Mircosoft zu besänftigen durfte bei der Keynote auch gleich ein Vertreter aus Redmond Office auf dem iPad Pro zeigen. Das war irgendwie schon skurril. Die ehemaligen „Lieblingsfeinde“ von Steve Jobs, Microsoft und Adobe (wg. Flash), bekommen Zeit für eine App-Demo …

Auf den Tag ein Jahr nach dem iPhone 6 und 6 Plus, präsentiert der Konzern die S-Klasse. 3D Touch ist sicherlich großartig. Auch die Wahl einer etwas steiferen Aluminium-Legierung (7000er mit Zink) ist angesichts von „Bendgate“ sicherlich richtig. Aber warum muss man bei gleicher Größe mit dem Preis anziehen? Gab es die ersten 6er für 699 und 799 Euro, kosten die Nachfolger mindestens 739 und 849 Euro.

Apple TV

Fernsehen sollte der große Wurf für Apple werden. Angeblich stand das noch auf der To-Do-Liste von Steve Jobs. „I finally cracked it„, diktierte der ehemalige Apple Boss seinem Biografen Walter Isaacson in die Feder. Jahrelang hielten sich die Gerüchte, dass Apple einen eigenen Fernseher bauen würde und die Apple TV Box nicht nur ein Hobby sei.

Doch was ich da gestern zu Apple TV gesehen habe, kam mir seltsam vertraut vor. Ach ja, mein Amazon Fire TV Stick kann das alles bereits: stimmengeführte Suche, Spiele und weitere Apps zur Installation. Auf der Plattform laufen nicht nur die Amazon Instant-Inhalte, sondern auch Netflix und einige Mediatheken (ARD, ZDF).

Apple Watch

Was ist sie nun, die smarte Uhr: Ein Flop? Ein voller Erfolg? Keiner weiß es und auch Tim Cook schweigt zu den Verkaufszahlen. Zwar lobte er die Kundenzufriedenheit und seine Kollegen zeigten neue Funktionen von WatchOS 2, aber kein Wort zu den Stückzahlen. Das ist so untypisch für Apple. Sonst wird gleich nach dem ersten Verkaufswochenende eine Pressemitteilung rausgejagt, wie viele iPhones über die Ladentheke gegangen sind. In seinen Quartalsberichten versteckt Apple die Watch unter „Sonstige Verkäufe“. Was soll man davon halten?

Hat Apple sein Mojo verloren? Ist der Laden einfach zu groß und damit zu träge geworden? Ein Blick auf die Mitarbeiterzahlen ist interessant: Am Ende des Finanzjahres 2007, dem ersten iPhone-Jahr, beschäftigte das Unternehmen 21.600 Vollzeitkräfte und 2.100 Zeitarbeiter. Ende des Geschäftsjahres 2014 waren es 92.600 Vollzeitmitarbeiter und 4.400 Zeitarbeiter. Mehr als vier mal so viele Mitarbeiter … in sieben Jahren. Gut, 46.200 der heutigen Mitarbeiter sind in den Apple Läden beschäftigt. Doch nicht umsonst baut der Konzern in Kalifornien eine neue, größere Zentrale in der Form eines UFOs.

Was Apple da im Herbst in die Läden bringt, ist schon tolle Technik. Doch vom wertvollsten Technikkonzern der Welt mit 628 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung (Platz 5 der Fortune 500) erwartet man eben mehr. Echte Innovation statt nur Weiterentwicklung. Na gut, die Technikwelt ist schnelllebig, die nächste Keynote kommt bestimmt und vielleicht ist dann ja das Apple-Auto dabei.

Nachtrag: Holly Brockwell von Gadgette hat schön zusammengefasst, wie alle Apple begeistert Beifall klatschen, für Funktionen und Techniken, die woanders längst Realität sind: „Once again Apple unveils the flagship phone of 2 years ago.“ Ihr Fazit: „... leaving me with a gaping sense of disappointment that a) there was nothing original and b) no one else seemed to realise there was nothing original. For me, watching Apple announcements feels like being the shortest person at a gig – everyone else is watching something amazing and I just can’t see it. I want to, but I can’t. All I can see is a bunch of sweaty nerds clapping and whooping like sealions, eagerly snapping up the stale fish Apple throw.“

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